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Der Fortschritt ist eine Schnecke…


…und sie fährt elektrisch! Niemand, wirklich niemand kann von mir behaupten, ich würde rundweg die E-Mobilität ablehnen. Im Gegenteil ich bin ein absoluter Fan elektrischer Fahrzeuge jeder nur denkbaren Spielart, weil ich an diese Art der individuellen Mobilität in der Zukunft glaube. Nicht in der Art glaube, wie man in der Kirche glaubt, eher deshalb, weil ich überzeugt davon bin, dass dies die vernünftigste aller denkbaren Lösungen ist.

So war ich hocherfreut (das Wort „extatisch“ möchte ich in diesem Zusammenhang aber lieber doch nicht verwenden), als mein Chef mir im Sommer ketzten Jahres eröffnete, dass die nächsten Dienstfahrzeuge elektrische sein würden. Null CO2-Ausstoss! Reichweite „bis zu“ 140 km pro Ladung! Sogar mit Klimaanlage! Und von Renault – ein Kangoo nämlich!

Naja, man kann Renault-Fan sein, muss man aber nicht. Ich hab früher ma den ein oder anderen Renault Kangoo gefahren, mal mit Benzin-, aber auch mit Dieselmotor und ich war immer relativ zufrieden gewesen. In Meiner Jugend war ich eine zeitlang stolzer Besitzer eines Renault R4 gewesen, mit einem Stoffdach, dass einem im Sommer großzügig Sonnenschein im Wagen bot und bei Regen und im Winter jede Mange Wasser und/oder Eis. Aber er fuhr und fuhr und fuhr, fast so wie ein VW Käfer, nur nicht so zuverlässig. Die Urlaube, die ich mit diesem Fahrzeug in der Ardêche verbrachte oder am Mittelmeer, waren legendär und bis heute denke ich mit großer Freude daran zurück.

Aber mit der Zeit steigen die Ansprüche an Komfort und Zuverlässigkeit, was will man machen. Schließlich werden wir alle nicht jünger und bei der komplizierten Automobiltechnik der heutigen Zeit ist es fast aussichtslos, mit einem 25-teiligen Ratschenkasten und ein paar Gabelschlüsseln sämtliche möglicherweise anfallenden Reparaturen auf dem Standstreifen der Autobahn selber durchzuführen.

Kurz nach der fröhlichen Verkündigung, dass unser Betrieb zum Vorreiter der Elektromobilität in Deutschland werden sollte, keimte in mir die Frage auf, wo und wie man denn die Batterien des elektrischen „Renners“ aufladen sollte? Also frug ich meinen Herrn und Meister und erntete einige verwunderte Blicke. Weder am Standort, noch unterwegs (ich befahre regelmäßig ein bestimmtes Gebiet) waren Ladestationen geplant oder vorgesehen und, das erfuhr ich bei dieser Gelegenheit auch gleich, aus Kostengründen war das beantragte Navi, mit dem man eventuell (wenn man die entsprechende Software besorgte) öffentlich verfügbare Ladestationen hätte finden und anlaufen können, wenn der Saft zur Neige ginge, aus Kostengründen gestrichen worden!

Soweit so nicht gut! Nachdem ich diesen ersten herben Dämpfer gerade verdaut hatte, kamen mit nur 4 Monaten Verspätung die ersehnten elektrischen Kangoos endlich an. Ein Autotransporter stellte sie vor der Firma ab und voller freudiger Erregung fuhren wir die Wagen an die vorgesehenen Stellplätze, verlegten Verlängerungskabel und begannen die Batterien zu laden.

 

Renault Kangoo ZE sieht ziemlich schick aus, wie er da so steht…

Die Tatsache, dass die Ladedauer bei Anschluss des Wagens an eine Haushaltssteckdose ca. 12 Stunden betragen sollte, konnte unseren Enthusiasmus nur bedingt dämpfen. Wir, mein Kollege und ich, brannten auf die erste Probefahrt, umweltfreundlich, nachhaltig und elektrisch.

 

…hier wird er „betankt“ per Ladekabel und Steckdose

Der nächste Tag war ein kalter Wintertag. Das Thermometer zeigte satte 0 °C und die digitale Reichweitenanzeige des Tachos, zu unserem großen Erstaunen, trotz einer langen Nacht am Ladekabel und voll aufgeladenem Akku, eine Reichweite von knapp 80 km an! Egal, wer wird denn schon so kleinlich sein, dachte ich bei mir, sprang in den Wagen und surrte davon…

 

Sieht eigentlich ganz normal aus, das Armaturenbrett nebst Lenkrad!

Ich hatte gerade den Parkplatz verlassen und dabei eine Strecke von vielleicht 150 m zurück gelegt, da hatte sich die Reichweite bereits um 4 km verringert. Kurzes Grübeln ließ mich zu dem Schluss kommen, dass das Fahren mit einem Elektrofahrzeug womöglich einen anderen Fahrstil erforderte, als den gewohnten. Etwas mehr Ökonomie konnte sicher nicht schaden, ebenso wenig etwas mehr vorausschauendes Fahren. Aber die rasante Abnahme der Reichweitenanzeige lies sich nicht spürbar verlangsamen und so begann ich leise Zweifel daran zu hegen, ob der Einsatz von Elektrofahrzeugen mit Bleiakkus wirklich eine so gute, nachhaltige Idee war, wie die Hersteller dieser Fahrzeuge es so vollmundig zu behaupten pflegen.

 

Das Lade- und ein Verlängerungskabel sollte man immer dabei haben

Die Möglichkeit elektrische Energie zu speichern, hält sich bis heute in engen Grenzen, wenn man ein elektrisches Fahrzeug in einem halbwegs akzeptablen Preisrahmen halten (und es auch verkaufen) will. Und dabei ist so ein Satz lumpiger Bleiakkus schon recht teuer, wenn man ihn ersetzen muss. Geschätzte 8.000,- bis 10.000,- € muss man dafür hinblättern, oder man least die Batterien für teures Geld gleich mit dem Fahrzeug zusammen. Lithium-Ionen-Akkus, die ein richtig gutes Ladepotenzial aufweisen, sind fast unbezahlbar. Nicht umsonst bewegt sich der Kaufpreis für einen Tesla, der meinen bescheidenen Ansprüchen gerecht werden könnte, in einem Bereich, der weit jenseits der 100.000,- €-Grenze liegt. Aber so viel bin ich meinem Chef (aus nahe liegenden Gründen) nicht wert!

Was nützt als das Gezerfe? Nichts! Genau und deswegen „rauschte“ ich also los, um meiner Arbeit nachzugehen und stellte ziemlich verblüfft nach etwa 10 km fest, dass im Display des Tachos plötzlich die Warnung auftauchte „Bremssystem defekt“ und eine leuchtend rote Anzeige, die mich im Befehlston aufforderte, sofort einen STOP einzulegen! Wer bin ich, dass ich Befehle missachten würde, zumal wenn die eigene Sicherheit davon abhängt und die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer? Ich fuhr rechts ran, schaltete den Wagen aus, zog den Zündschlüssel und beschloss, den Wagen von außen zu betrachten, in der Hoffnung auf eine göttliche Eingebung, die aber leider ausblieb. Vermutlich rächt sich nun dass ich schon vor mehr als 20 Jahren aus der Kirche auchgetreten bin.

 

Macht schon was her – das war´s aber auch schon!

Ein besorgter Anruf in der Werkstatt meines Vertrauens brachte die bahnbrechende Erkenntnis, dass die Bremse wieder funktionieren sollte/könnte, wenn man nach einer Wartezeit von ein paar Minuten den Wagen wieder starten würde. Also stezte ich mich wieder hinein, drehte den Zündschlüssel und siehe da, die Anzeige verschwand, das Fahrzeug setze sich problemlos in Bewegung und liess sich sogar bremsen – bis nach drei weiteren Kilometern erneut die Anzeig davor warnte weiter zu fahren. Diesmal war ich bedeutend zorniger, als ich in der Werkstatt anrief und nachdem ich von einer netten Telefonstimme weiblichen Geschlechts zuerst getröste, dann beruhigt und anschließend gebeten wurde die Werkstatt anzufahren (aber nur, wenn das nicht zuviel verlangt wäre…).

Man empfing mich freundlich aber ratlos. Der Mann, der sich mit den Elektrofahrzeugen auskenne sei leider gerade nicht da. Er müsse seinen restlichen Urlaub abbauen, hiess es, aber man könne versuchen, mit dem Computer die Fehlermeldungen auszulesen, dann wäre das Problem wahrscheinlich „erstmal“ behoben. War es auch! Da mein Bedarf an Warnleuchten und nervösen Displays mittlerweile gedeckt war, fuhr ich in den Betrieb, stellte das Fahrzeug ab, hängte es an das Ladekabel (denn mittlerweile war nach nur 30 gefahrenen Kilometern – in Worten „dreißig“!) und fuhr mit meinem guten alten Diesel-Caddy davon!

Heute ist Montag! Wie alle Montage ist es ein beschissener Tag. Ich hatte über das Wochenende beschlossen, es noch einmal neu mit meinem Elektro-Kangoo zu versuchen. Wir hatten vielleicht einfach nur einen schlechten Start erwischt. Also vergeben und vergessen, Ladekabel gezogen, zusammen gerollt und in den (zugegebenermassen) sehr großzügigen Kofferraum geschmissen, Zündschlüssel rein, rumgedreht und losgezerrt, begleitet von einem leisen summenden Geräusch.

Angesichts der nicht vorhandenen Fahrgeräusche frage ich mich schon, wie Fußgänger reagieren, wenn sie das ziemlich große und recht schnelle Fahrzeug nicht hören, aber plötzlich vor neben oder hinter sich gewahr werden. Aber ich kann mich nicht um alles kümmern. Soll ich vielleicht bei Wind und Wetter mit offenem Fenster herum fahren und mit dem Mund laute brummende Geräusche machen, damit man mich hört, so wie wir Kinder es in unserer Jugend mit den Matchboxautos gemacht haben?

A Propos offenes Fenster. Wer sich mit dem Gedanken trägt, im Winter in einem Elektrofahrzeug die Heizung einzuschalten, kann mit großer Freude zur Kenntnis nehmen, dass sich sein Aktionsradius, abhängig von seinem Wärmebedürfnis, noch einmal um etwa die H#lfte verringert. Dasselbe gilt umgekehrt im Sommer für den Einsatz der Klimaanlage. Also verzichtet man genervt auf beides und dreht das Radio leise, um den Akku nicht durch lautes Musik hören über Gebühr zu beanspruchen und lässt sich so fast bis zu den Ursprüngen des Autofahrens in den 50er und 60er Jahren zurück führen. Diese Erfahrung hat – angesichts der heutigen theoretischen technischen Möglichkeiten – schon etwas brachiales, minimalistisches…

Kaum erwähnenswert ist wohl, dass mich nach etwa 7,5 km die grausame Realität in Gestalt der Warnung vor einem defekten Bremssystem im Display einholte. Ich fuhr den Wagen in die Werkstatt, wo man mir eröffnete, dass der Mann, der sich mit den Elektroautos auskennt, zwar nicht mehr im Urlaub ist, nun aber für eine ganze Woche auf einem Seminar zum Thema „Fehlerbehebung am Elektrofahrzeug“ gereist sei. Hoffentlich nicht mit einem Elektroauto von renault, denn sonst kommt er dort sicher nicht an, zumindest in diesem Jahr…

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6 Kommentare zu “Der Fortschritt ist eine Schnecke…

  1. Hallo,

    habe gegenteilige Erfahrung mit meinem ZE. Erreiche im Sommer spielend 170 Km und im Winter – 2 Grad ca. 120. Insgesamt habe ich jetzt ca. 5000 Km zurückgelegt – nichts defekt, alles Super – Spaß ohne Ende.

    • Hallo, lieber Johannes,
      das finde ich mehr als erstaunlich. Diese frappierenden Unterschiede lassen sich nicht ohne Probleme erklären, würde ich meinen. Ich kann noch anfügen, dass ich gestern mit unserem zweiten Kangoo ZE unterwegs war – nach Volladung der Batterie, Anzeige der Reichweite mit 68 km bei Temperatur von knapp 6° C und zwar plus. Ich bin mehr als ernüchtert. Da ich eigentlich von Natur aus ein sehr großer Fan der Elektromobilität bin und mir schon einiges mehr erwartet hatte. Das Fahren an sich ist tatsächlich als angenehm einzuschätzen. Aber auf Grund der diversen Vorkommnisse bin ich schon eine Spur erschüttert und frage mich ernsthaft, ob es bei Renault nicht so etwas wie eine Endkontrolle gibt, bevor die Wagen die Werkshallen verlassen. Es ist schlichtweg ein Unding, dass die Bremsen an einem nagelneuen Fahrzeug versagen. So etwas darf nicht passieren…
      Sollte sich mein schicker Elektrokangoo irgendwann ma wieder aus der Werkstatt heraus bewegen, werde ich selbstredend gerne weiter darüber berichten.

      Die Zukunft fährt elektrisch – wenn sie nich grad in der Werkstatt steht 😉

      Andrej

  2. Hallo Andrejo,

    nicht zu fassen. Bei mir ist wirklich alles tadellos. Es ist aber nur der kleine Kangoo ZE (2-Sitzer), die Handwerkerkiste. Habe ich seit Sept. 2012.

    Im Sept. u. Okt. habe ich noch locker 150-170 KM geschafft, derzeit noch ca. 120 wg. Winter, Winterreifen, Licht etc.

    Die Bremsen rosten allerdings vor sich hin, da ich sie nicht brauche. Ich nutze das Rückholsystem voll aus und fahre meist im Eco-Modus, der kleine Schalter links unten. Damit läufts max. zwar nur 100 km/h, aber nur so schafft man die Reichweiten.
    Fährt man den ZE so straff und gedankenlos wie ein Normal-Auto, steigt der Verbrauch erheblich.
    D.h., vom Anfang des roten Bereichs des Ökometers bis zum Ende des roten Bereichs VERDOPPELT sich der Stromverbrauch – daher unbedingt sorgfältig fahren.
    Der Lohn der Mühe: 0,13 Cent/Kilometer Vollkosten (ohne Anschaffung).
    Da ich dein Fahrverhalten nicht kenne, kann ich das auch nicht beurteilen. Solltest du aber die Bedingungen sowieso erfüllen, liegt ein Defekt vor.
    Da solltest du gnadenlos nachhacken bei Renault.

    Demnächst werde ich auf meiner Website meine Erfahrungen und Meßwerte veröffentlichen und hier bekanntgeben.

    viel Erfolg – trotz allem
    Johannes

    • Hi, Johannes,
      freue mich sehr, von Dir zu höern. Und es freut mich ausserordentlich zu höeren, dass Dein ZE so wunderbar läuft. Meiner steht jetzt übrigens seit anderthalb Wochen in der Werkstatt, ohne Rücksprache, ohne Auskunft auf Nachfragen…aber egal. Ich habe mich nicht nur entschlossen, dies über mein Blog zu verbreiten, sondern eigentlich dachte ich eher an eine Erfolgsstory, die ich gerne geteilt hätte. Denn vom Grunde her bin ich ein sehr großer Fan der elektrischen Mobilität und ich halte sie auch für zukunftsfähig.
      Freilich ist es auch logisch, dass man ein Elektrofahrzeug nicht so prügeln kann, wie beispielsweise seinen VW Caddy mit Diesel, oder auch ohne. ich hab schon etliche Geschäftswagen gefahren, vorwiegend mit Diesel und war damit auch zufrieden. Nur jetzt eben funktioniert es leider garnicht. Der eine Wagen, wie gesacht, Werkstatt. Der andere hat, wenn man die Ladung betrachtet, die gleichen Probleme. Auch bei diesem Wetter, derzeit um die 5 bis 6 Grad warm, Reichweite voll geladen nicht mal 90 km. Economieschalter selbstredend angeschaltet und Bewegt wird das Teil nur auf Landstrassen, bzw. in der Stadt. Bisher wollte sich auch niemand dazu äußern, den ich fragte. Bei meinen Fahrzeugen handelt es sich um den Kangoo ZE in der Kombi-Ausführung lang, als mit 5 Sitzplätzen.
      Habe übrigens festgestellt, dass mein zweiter ZE nach, oder während des Ladevorgangs die Lüftung einschaltet und das Fahrzeug innen geheizt ist. Den Strom dafür nimmt er wohl aus der Batterie und nicht aus dem Netz. Warum auch immer. Das sorgt dann dafür, dass die Batterie morgens nicht voll geladen ist, und man gut beraten ist, nachzusehen und ggfls. nachzuladen, indem man die Verbindung trennt und dann wieder herstellt. Dann ist das Gebläse aus und es wird voll geladen…sollten wir etwa gleich 2 Montagsfahrzeuge erhalten haben? Ich dachte sowas gab es nur bis in die 70er, 80er Jahre hinein und dann hätte die Qualitätskontrolle so rihtig zugeschlagen… 😉
      Liebe Grüße, Andrej

      • Ich weiß nur, dass die Heizung programmierbar ist, habe mich aber nie mit dem Gimmik beschäftigt – bitte unbedingt nachlesen, dann ausschalten oder Reparatur! Natürlich ist das des Rätzels Lösung.
        Gedacht ist es für Vorwärmung im Winter, damit man morgens in ein warmes Auto steigen kann. Brauche ich gar nicht. Habe daher gleich das auto mit Zusatzheizung (Diesel) gekauft. Bei diesem Wetter kostet mich das ca. 20 €/Monat an Auto-Heizkosten. Die Elektroheizung nimmt sich ca. 1/4 der Fahrleistung – je nach Einstellung und dann kommt man locker auf deine zu erreichenden Km.
        Meine Anzeige ist aber pessimistisch, d.h. er kann 20 Km mehr als vorhergesagt – ungefähr.

      • Ja ich weiss das, und es würde mich nicht wundern, wenn er das dauernd machen würde. Aber mal heizt es, mal nich, mal is warm, mal nich…kann leider kein System dahinter entdecken…
        Ich freue mich schon auf Deinen Erlebnisbericht 😉

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