Der Fortschritt ist eine Schnecke…Teil 2

Nun fährt er endlich wieder! Der Renault Kangoo Z.E.! Elektrisch! Mit funktionierenden Bremsen! Und ohne Fehlermeldung bzgl. des Bremssystems! –  wenn er nicht gerade am Ladekabel hängt, und er hängt leider häufiger am Ladekabel, als dass er fährt. Aber der Reihe nach…

Eigentlich könnte ich nun glücklich sein. Ein umweltfreundliches, elektrisch angetriebenes Fahrzeug, sogar mit Klimaanlage. Aber ich bin nicht glücklich. Ich weiss natürlich, dass das undankbar ist, aber so bin ich nun mal. Es gibt jedoch einen Grund, warum ich so bin, wie ich bin – verschnupft nämlich und zwar nicht nur im übertragenen Sinn. Warum? Sicher habt ihr alle mitbekommen, dass es die letzten Tage ziemlich, um nicht zu sagen erbärmlich, kalt war. Mit Schnee und Eis und allem, was dazu gehört. Genau das Wetter also, das man sich sofort vorstellt, wenn von Klimaerwärmung die Rede ist!

Ich muss also jeden Morgen meinen Kangoo Z.E. aus dem Schnee ausgraben, anschließend die Scheiben rundum vom Eise befreien und mich dann, genau, ihr habt´s sofort erraten, in ein ebenso frostiges Auto setzen, wie dies die Außentemperaturen implizieren – knapp über der – 10° C-Marke!

Aber, kein Problem, dachte ich bei mir, schließlich besitzt mein Fahrzeug nicht nur eine Klimaanlage für den Sommer, sondern auch eine Heizung für die kalten Klimawandelwintertage – genau wie jetzt! Also, Heizung an und den Luftstrahl des Gebläse volles Brett auf die Frontscheibe gerichtet, damit sie nicht wieder zufriert und losgefahren. Vorsichtig, im Ökonomie-Modus und in aller Ruhe zog der Kangoo Z.E. leise sirrend an.

Die digitale Anzeige signalisierte bei einem fast vollen Akku genau 72 km reichweite. nicht gerade viel versprechend, aber dennoch machte ich mich frohen Mutes auf den kalten Weg ins 20 km entfernte Bruchsal, wo ich einiges erledigen musste und darauf vertraute, in den von mir besuchten Räumlichkeiten eine Steckdose zu finden, um dem gestressten Akku ein klein wenig Erholung zu gönnen. Nach nur 2 Kilometern Fahrstrecke hatte sich die Reichweite jedoch bereits um 6 km verringert, was mich zum Nachdenken brachte…

…ein Elektroauto heizt, mangels Verbrennungsmotor, mit demselben Strom, den der umweltfreundliche Antrieb notwendigerweise aus dem Bleiakku lutscht! Die Folge ist eine, nicht nur wegen der niedrigen Außentemperatur, schlechtere Speicherkapazität des Akkus, sondern auch ein detulich höherer Stromverbrauch. Also hatte ich nur eine Alternative und die war alternativlos – entweder Heizung an, Akku auf halber Strecke leer, mit anschließendem Frieren, oder aber Heizung aus, Ziel mit Müh´ und Not erreichen und die ganze Zeit über frieren! Ich entschied mich für Letzteres und tröstete mich  ein bisschen mit dem Gedanken daran, dass uns Autler (ich benutze diesen sehr altertümlichen Ausdruck aus den Kindertagen des individuellen Automobilismus ganz bewusst!) die elektrische Mobilität auf diese Weise zu den Ursprüngen des Autofahrens zurück führt und die bereits seit Jahrzehnten abhanden gekommene abenteuerliche Komponente wieder in die Mobilität einfließen lässt!

Renault Kangoo Z.E. leicht unterkühlt

 Ich erreichte also Bruchsal halb tot gefroren und trotz Handschuhen mit steif gefrorenen Fingern, sowie mit von innen durch meine Atemluft vereisten Scheiben. Eine Steckdose fand ich auch, konnte allerdings die Türe des Raumes, in dem sie sich befand nicht schließen, da das Ladekabel hindurch geführt werden musste. Also fror ich auch dort, während ich mich meiner Arbeit widmete.

Schon nach nur vier Stunden hatte ich soviel Energie im Akku, um mich mit halbwegs sicherem Gefühl auf den Weg zurück nach Karlsruhe zu machen – ohne Heizung, versteht sich!

Renault Kangoo Z.E. nuckelt an seinem Ladekabel

Nun sitze ich wieder in meinem warmen Büro (während der Kangoo Z.E. erneut an der Dose hängt) und finde die Zeit, diesen Artikel zu schreiben. Ich hoffe inständig, dass mir dieser erste Winter in einem Elektroauto nicht noch zu allem Überfluss eine Lungenentzündung einbringt.

Mir ist klar geworden, dass die Elektromobilität tatsächlich zu den Wurzeln des Automobils zurück führt. Schon Bertha Benz fuhr ja (Wind und Wetter ausgesetzt) quasi von Apotheke zu Apotheke, um dort literweis das benötigte Benzin zu erwerben. Der Elektroautomobilist hangelt sich von Steckdose zu Steckdose, oder von Ladestation zu Ladestation, sofern er überhaupt eine findet und die notwendige Zeit mitbringt und die Fähigkeit, sich während des sich über Stunden hinziehenden Ladezyklus´ sinnvoll zu beschäftigen…

 

Der Fortschritt ist eine Schnecke…

…und sie fährt elektrisch! Niemand, wirklich niemand kann von mir behaupten, ich würde rundweg die E-Mobilität ablehnen. Im Gegenteil ich bin ein absoluter Fan elektrischer Fahrzeuge jeder nur denkbaren Spielart, weil ich an diese Art der individuellen Mobilität in der Zukunft glaube. Nicht in der Art glaube, wie man in der Kirche glaubt, eher deshalb, weil ich überzeugt davon bin, dass dies die vernünftigste aller denkbaren Lösungen ist.

So war ich hocherfreut (das Wort „extatisch“ möchte ich in diesem Zusammenhang aber lieber doch nicht verwenden), als mein Chef mir im Sommer ketzten Jahres eröffnete, dass die nächsten Dienstfahrzeuge elektrische sein würden. Null CO2-Ausstoss! Reichweite „bis zu“ 140 km pro Ladung! Sogar mit Klimaanlage! Und von Renault – ein Kangoo nämlich!

Naja, man kann Renault-Fan sein, muss man aber nicht. Ich hab früher ma den ein oder anderen Renault Kangoo gefahren, mal mit Benzin-, aber auch mit Dieselmotor und ich war immer relativ zufrieden gewesen. In Meiner Jugend war ich eine zeitlang stolzer Besitzer eines Renault R4 gewesen, mit einem Stoffdach, dass einem im Sommer großzügig Sonnenschein im Wagen bot und bei Regen und im Winter jede Mange Wasser und/oder Eis. Aber er fuhr und fuhr und fuhr, fast so wie ein VW Käfer, nur nicht so zuverlässig. Die Urlaube, die ich mit diesem Fahrzeug in der Ardêche verbrachte oder am Mittelmeer, waren legendär und bis heute denke ich mit großer Freude daran zurück.

Aber mit der Zeit steigen die Ansprüche an Komfort und Zuverlässigkeit, was will man machen. Schließlich werden wir alle nicht jünger und bei der komplizierten Automobiltechnik der heutigen Zeit ist es fast aussichtslos, mit einem 25-teiligen Ratschenkasten und ein paar Gabelschlüsseln sämtliche möglicherweise anfallenden Reparaturen auf dem Standstreifen der Autobahn selber durchzuführen.

Kurz nach der fröhlichen Verkündigung, dass unser Betrieb zum Vorreiter der Elektromobilität in Deutschland werden sollte, keimte in mir die Frage auf, wo und wie man denn die Batterien des elektrischen „Renners“ aufladen sollte? Also frug ich meinen Herrn und Meister und erntete einige verwunderte Blicke. Weder am Standort, noch unterwegs (ich befahre regelmäßig ein bestimmtes Gebiet) waren Ladestationen geplant oder vorgesehen und, das erfuhr ich bei dieser Gelegenheit auch gleich, aus Kostengründen war das beantragte Navi, mit dem man eventuell (wenn man die entsprechende Software besorgte) öffentlich verfügbare Ladestationen hätte finden und anlaufen können, wenn der Saft zur Neige ginge, aus Kostengründen gestrichen worden!

Soweit so nicht gut! Nachdem ich diesen ersten herben Dämpfer gerade verdaut hatte, kamen mit nur 4 Monaten Verspätung die ersehnten elektrischen Kangoos endlich an. Ein Autotransporter stellte sie vor der Firma ab und voller freudiger Erregung fuhren wir die Wagen an die vorgesehenen Stellplätze, verlegten Verlängerungskabel und begannen die Batterien zu laden.

 

Renault Kangoo ZE sieht ziemlich schick aus, wie er da so steht…

Die Tatsache, dass die Ladedauer bei Anschluss des Wagens an eine Haushaltssteckdose ca. 12 Stunden betragen sollte, konnte unseren Enthusiasmus nur bedingt dämpfen. Wir, mein Kollege und ich, brannten auf die erste Probefahrt, umweltfreundlich, nachhaltig und elektrisch.

 

…hier wird er „betankt“ per Ladekabel und Steckdose

Der nächste Tag war ein kalter Wintertag. Das Thermometer zeigte satte 0 °C und die digitale Reichweitenanzeige des Tachos, zu unserem großen Erstaunen, trotz einer langen Nacht am Ladekabel und voll aufgeladenem Akku, eine Reichweite von knapp 80 km an! Egal, wer wird denn schon so kleinlich sein, dachte ich bei mir, sprang in den Wagen und surrte davon…

 

Sieht eigentlich ganz normal aus, das Armaturenbrett nebst Lenkrad!

Ich hatte gerade den Parkplatz verlassen und dabei eine Strecke von vielleicht 150 m zurück gelegt, da hatte sich die Reichweite bereits um 4 km verringert. Kurzes Grübeln ließ mich zu dem Schluss kommen, dass das Fahren mit einem Elektrofahrzeug womöglich einen anderen Fahrstil erforderte, als den gewohnten. Etwas mehr Ökonomie konnte sicher nicht schaden, ebenso wenig etwas mehr vorausschauendes Fahren. Aber die rasante Abnahme der Reichweitenanzeige lies sich nicht spürbar verlangsamen und so begann ich leise Zweifel daran zu hegen, ob der Einsatz von Elektrofahrzeugen mit Bleiakkus wirklich eine so gute, nachhaltige Idee war, wie die Hersteller dieser Fahrzeuge es so vollmundig zu behaupten pflegen.

 

Das Lade- und ein Verlängerungskabel sollte man immer dabei haben

Die Möglichkeit elektrische Energie zu speichern, hält sich bis heute in engen Grenzen, wenn man ein elektrisches Fahrzeug in einem halbwegs akzeptablen Preisrahmen halten (und es auch verkaufen) will. Und dabei ist so ein Satz lumpiger Bleiakkus schon recht teuer, wenn man ihn ersetzen muss. Geschätzte 8.000,- bis 10.000,- € muss man dafür hinblättern, oder man least die Batterien für teures Geld gleich mit dem Fahrzeug zusammen. Lithium-Ionen-Akkus, die ein richtig gutes Ladepotenzial aufweisen, sind fast unbezahlbar. Nicht umsonst bewegt sich der Kaufpreis für einen Tesla, der meinen bescheidenen Ansprüchen gerecht werden könnte, in einem Bereich, der weit jenseits der 100.000,- €-Grenze liegt. Aber so viel bin ich meinem Chef (aus nahe liegenden Gründen) nicht wert!

Was nützt als das Gezerfe? Nichts! Genau und deswegen „rauschte“ ich also los, um meiner Arbeit nachzugehen und stellte ziemlich verblüfft nach etwa 10 km fest, dass im Display des Tachos plötzlich die Warnung auftauchte „Bremssystem defekt“ und eine leuchtend rote Anzeige, die mich im Befehlston aufforderte, sofort einen STOP einzulegen! Wer bin ich, dass ich Befehle missachten würde, zumal wenn die eigene Sicherheit davon abhängt und die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer? Ich fuhr rechts ran, schaltete den Wagen aus, zog den Zündschlüssel und beschloss, den Wagen von außen zu betrachten, in der Hoffnung auf eine göttliche Eingebung, die aber leider ausblieb. Vermutlich rächt sich nun dass ich schon vor mehr als 20 Jahren aus der Kirche auchgetreten bin.

 

Macht schon was her – das war´s aber auch schon!

Ein besorgter Anruf in der Werkstatt meines Vertrauens brachte die bahnbrechende Erkenntnis, dass die Bremse wieder funktionieren sollte/könnte, wenn man nach einer Wartezeit von ein paar Minuten den Wagen wieder starten würde. Also stezte ich mich wieder hinein, drehte den Zündschlüssel und siehe da, die Anzeige verschwand, das Fahrzeug setze sich problemlos in Bewegung und liess sich sogar bremsen – bis nach drei weiteren Kilometern erneut die Anzeig davor warnte weiter zu fahren. Diesmal war ich bedeutend zorniger, als ich in der Werkstatt anrief und nachdem ich von einer netten Telefonstimme weiblichen Geschlechts zuerst getröste, dann beruhigt und anschließend gebeten wurde die Werkstatt anzufahren (aber nur, wenn das nicht zuviel verlangt wäre…).

Man empfing mich freundlich aber ratlos. Der Mann, der sich mit den Elektrofahrzeugen auskenne sei leider gerade nicht da. Er müsse seinen restlichen Urlaub abbauen, hiess es, aber man könne versuchen, mit dem Computer die Fehlermeldungen auszulesen, dann wäre das Problem wahrscheinlich „erstmal“ behoben. War es auch! Da mein Bedarf an Warnleuchten und nervösen Displays mittlerweile gedeckt war, fuhr ich in den Betrieb, stellte das Fahrzeug ab, hängte es an das Ladekabel (denn mittlerweile war nach nur 30 gefahrenen Kilometern – in Worten „dreißig“!) und fuhr mit meinem guten alten Diesel-Caddy davon!

Heute ist Montag! Wie alle Montage ist es ein beschissener Tag. Ich hatte über das Wochenende beschlossen, es noch einmal neu mit meinem Elektro-Kangoo zu versuchen. Wir hatten vielleicht einfach nur einen schlechten Start erwischt. Also vergeben und vergessen, Ladekabel gezogen, zusammen gerollt und in den (zugegebenermassen) sehr großzügigen Kofferraum geschmissen, Zündschlüssel rein, rumgedreht und losgezerrt, begleitet von einem leisen summenden Geräusch.

Angesichts der nicht vorhandenen Fahrgeräusche frage ich mich schon, wie Fußgänger reagieren, wenn sie das ziemlich große und recht schnelle Fahrzeug nicht hören, aber plötzlich vor neben oder hinter sich gewahr werden. Aber ich kann mich nicht um alles kümmern. Soll ich vielleicht bei Wind und Wetter mit offenem Fenster herum fahren und mit dem Mund laute brummende Geräusche machen, damit man mich hört, so wie wir Kinder es in unserer Jugend mit den Matchboxautos gemacht haben?

A Propos offenes Fenster. Wer sich mit dem Gedanken trägt, im Winter in einem Elektrofahrzeug die Heizung einzuschalten, kann mit großer Freude zur Kenntnis nehmen, dass sich sein Aktionsradius, abhängig von seinem Wärmebedürfnis, noch einmal um etwa die H#lfte verringert. Dasselbe gilt umgekehrt im Sommer für den Einsatz der Klimaanlage. Also verzichtet man genervt auf beides und dreht das Radio leise, um den Akku nicht durch lautes Musik hören über Gebühr zu beanspruchen und lässt sich so fast bis zu den Ursprüngen des Autofahrens in den 50er und 60er Jahren zurück führen. Diese Erfahrung hat – angesichts der heutigen theoretischen technischen Möglichkeiten – schon etwas brachiales, minimalistisches…

Kaum erwähnenswert ist wohl, dass mich nach etwa 7,5 km die grausame Realität in Gestalt der Warnung vor einem defekten Bremssystem im Display einholte. Ich fuhr den Wagen in die Werkstatt, wo man mir eröffnete, dass der Mann, der sich mit den Elektroautos auskennt, zwar nicht mehr im Urlaub ist, nun aber für eine ganze Woche auf einem Seminar zum Thema „Fehlerbehebung am Elektrofahrzeug“ gereist sei. Hoffentlich nicht mit einem Elektroauto von renault, denn sonst kommt er dort sicher nicht an, zumindest in diesem Jahr…